NADELOBJEKTE                                                          Angelika M. Schäfer | Iserlohn
 


NADELOBJEKTE

ZITAT

Wesentliches Kriterium zeitgenössischer Kunstwerke ist nicht nur, dass sie dazu animieren, das Bekannte auf andere als auf die vertraute Weise wahrzunehmen, sondern auch, dass der Künstler bekannte, vertraute Materialien und Techniken auf ungewohnte verborgene Potenzen und Perspektiven hin untersucht und sich bei solchen Recherchen auch selbst überraschen lässt. Er betritt Neuland, entdeckt Neues und erfährt Neues indem er Neues erzeugt. Neues, das aber gerade dadurch fasziniert, dass es sich vertrautem, womöglich höchst simplem Ursprung verdankt.

Hans Gercke (aus Katalog: days like these, jongsuk yoon, 2004)

 STATEMENT

Es gehört zum stillen Wesen der Kunst, dass eine Reduktion der eingesetzten Mittel, Formen und Farben häufig ein Mehr des künstlerischen und ästhetischen  Ausdrucks bedingt. Angelika M. Schäfer beherrscht dies meisterlich. Mit Nadeln, textilen Stoffen und dem spärlichen Einsatz weniger Farbtöne gestaltet sie einen Objekt- und Bildkosmos, der ebenso durch die brillante Einfachheit und Strukturen, wie durch die absolute Sensibilität der Oberfläche besticht.

Nadeln erhalten hier Raum,  Bilder zu malen: Ungegenständliches, Zeichenhaftes, wiederkehrende Reihungen aus Fäden, Nadeln und Lochspuren. Dies alles erinnert an die strukturelle Ordnung des textilen Gewebes, manchmal  an Wörter, Texte und Textbilder. Durch Veränderung der Perspektive zeichnen Nadeln Schatten und erwecken den Eindruck von Strichzeichnungen, malen andere Bilder einer neuen Dimension, füllen das ganze Bild, gehen darüber hinaus.         

Nadeln verletzen und zerstören. Sie hinterlassen Lochspuren im Gewebe und dienen doch gleichzeitig dazu, Getrenntes miteinander zu verbinden. Zum überwiegenden Teil bilden die Nadeln in ihrer Bündelung eine eher abstrakte Form- und Materialstruktur, die mit den stofflichen und textilen Eigenschaften verschiedener Gewebe auf wunderbare, spannungsreiche Weise korrespondiert.

Seit 1991 setzt Angelika M. Schäfer den bekannten Funktionszusammenhang zwischen Nadel und Tuch in ein neues Verhältnis. Als gelernte Handweberin weiß sie um die besondere Beziehung zwischen Nadel und Garn und  wenn man in einer Stadt wie Iserlohn lebt, die der Nadelindustrie eine ihrer wirtschaftlichen Blüten verdankt, ist ihre Anwendung als Ausdrucksmittel konsequent.

Waren es früher bildhafte Gewebe oder danach großflächige Papierarbeiten, so sind es  neben raumgreifenden Objekten inzwischen Collagen, die das Werk von Angelika M. Schäfer bestimmen. Immer aber bleibt sich die Künstlerin treu. Sie schafft durch absolute Reduktion ein Maximum an Ausdruck und ästhetischem Reiz.  


WERDEGANG

Kunst mit Nadeln

Die Nadelherstellung ist einer der bedeutendsten  Produktionsbereiche der Wirtschaftsgeschichte Iserlohns. Das Nadelmuseum in Iserlohn zeigt den industriellen Produktionsablauf der Nadelherstellung und  beherbergt eine Vielzahl von Artikeln aus dem Nadlergewerbe. Im Zuge der Einrichtung des Nadelmuseums im Jahr 1987, erhielt Angelika Schäfer einen entscheidenden Impuls für ihre zukünftige Arbeit. Als Weberin hatte sie sich viele Jahre mit der freien Bildweberei auf dem Sektor der Textilkunst befasst und war  auf der Suche nach neuen Mitteln und Materialien mit der Bestrebung, das Begrenzende einer  rein handwerklichen Arbeit  aufzugeben.

So ließ sie die Idee nicht los, dass Nadeln als Material  -   nicht als Werkzeug - in Verbindung mit textilen Stoffen völlig neue Ausdrucksmöglichkeiten bieten können. Erste Experimente folgten.

Angelika Schäfer  beginnt 1991 die Anwendung der Nadel in ihren Arbeiten neu zu definieren und wendet sich bewusst vom reinen Kunsthandwerk ab: Die Nadel ist nicht mehr  Werkzeug, sondern wird zum künstlerischen Material,  Die Nadeln verbleiben als sichtbare, materialisierte Linien bestehen. Neben den Nadeln sind Linien und Striche, Punkte und Löcher wesentlichen Ausdrucksmittel. In der reduzierten Vorgehensweise erfolgt auch die Reduktion von Form und Farbe.

Textile Techniken in der Kunst

Mit dieser künstlerischen Anwendung setzt Angelika Schäfer in den frühen 1990er Jahren neue Maßstäbe.

Mit dem Griff zur Nadel – als Frau - knüpft Angelika Schäfer  an eine alte Tradition an, war doch das Nähen früher Frauenarbeit und wird bis heute mit Frauen assoziiert. (...) Sie schlägt einen Pfad abseits der überkommenen Bahnen ein. Die Verbindung der Nadel mit Stoffen geschieht auf einer autonomen Ebene, wo allerdings der althergebrachte Funktionszusammenhang stets leicht zu spüren ist.“ (Dr. Agnes Zelck, Katalog Angelika M. Schäfer: NADELkonTEXT, Deutsches Drahtmuseum, Altena 2006)

Mitte der 1990er Jahre fanden texile Themen in der Kunst eine immer breitere Basis. Zahlreiche Universitäten und Hochschulen entdeckten  Textiles und textile Techniken als  künstlerische Ausdrucksmittel . In ihrer Publikation „Nadelstiche - Sticken in der Kunst der Gegenwart“, schreibt Matilda Felix im Oktober 2010 rückblickend: „Bis zur  Jahrtausendwende sollte es dauern, dass textile Techniken in der Gegenwartskunst  verstärkt Beachtung finden.“

Gegenwärtig ist eine regelrechte Konjunktur zu beobachten: Auf dem Kunstsektor  werden zunehmend Themen mit textilen Materialien und Techniken behandlt. Das schlägt sich  in zahlreichen prominenten Ausstellungen sowie in verschiedenen Symposien und Publikationen nieder.